Stefan Johannes Scholz
"Von Osten der Wind"
Kapitel 1

Die Twittermeldung

Gerlinde Haverkamp las die Twittermeldung ›Freie Katholiken nun auch in Ostdeutschland – Beginn einer Kirchen­spaltung?‹, und traute ihren Augen nicht. Als Praktikantin bei der KNA [Katholische Nachrichten-Agentur] war es ihre Aufgabe, die wichtigsten Twitterkanäle kirchlicher und kirchennaher Organisationen im Auge zu behalten. Der Absender Wir sind Kirche bildete eine der stärksten Reformgruppen innerhalb der katholischen Kirche. Sie las die Zeile noch einmal, klickte auf den Link zur Wir-sind-Kirche-Homepage, wo in knappen Worten kaum mehr zu lesen war, dafür aber eine E-Mail-Adresse. Ihr wurde trocken im Hals.

Auf dem Weg zur Kaffeeküche überlegte sie, wann sie dem Chef­redakteur das soeben Gelesene berichten solle? Einerseits wollte sie ihn nicht in seiner heiligen Arbeitszeit zwischen Morgenrunde und Mittagspause stören, andererseits war die Meldung ein Knaller.

Gerlinde entschied sich, die Nachricht über die "Freien Katholiken des Ostens" erst in der Nachmittagsrunde zu präsentieren. Sie war gespannt auf die Reaktionen der anderen Redakteure. Bis dahin wollte sie die Zeit für erste Recherchen nutzen.

Punkt fünfzehn Uhr kamen alle Redakteure im großen Besprechungsraum zusammen. Zunächst fragte der Chef­redakteur, wer alles eine Meldung habe, notierte sich die Namen und gab den Kollegen nach und nach das Wort. Bei der Reihenfolge kamen zuerst die langjährigen Mitarbeiter der Stamm-Ressorts zu Wort, die freien Mitarbeiter bildeten den Schluss. Gerlinde wurde zum Ende aufgerufen und berichtete kurz: »In Frankfurt/O hat sich eine neue Gruppe ›Freie Katholiken‹ gegründet. Wir sind Kirche sieht darin den Beginn einer Kirchen­spaltung, zumindest in Deutschland.«

Auf einen Schlag wurde es still, etwa ein Dutzend Augenpaare waren auf Gerlinde gerichtet, einige Augen schreckgeweitet. Gerlinde wurde mulmig zumute. Sie ergänzte schnell: »Das Ganze ist ja noch nicht so sicher und muss noch genauer bewertet werden …«

»… was wir gewiss tun werden!«, beendete der Chef­redakteur den Satz. In norddeutsch abgeklärter Art fragte er in die Runde: »Wissen wir eigentlich schon mehr über die Freien Katholiken? Den Namen habe ich irgendwann schon mal gehört.«

Marianne Friedrichs, Redakteurin des Ressorts ›Ökumene und neue Religionen‹, konnte wieder einmal aus ihrem Wissensschatz schöpfen: »Es gibt in der Tat etliche Gruppierungen, die sich Freie Katholiken oder Unabhängige Katholiken nennen. Das sind meist kleine Gemeinschaften, tendenziell in Großstädten, mehrheitlich traditionell in ihren Formen, außer der Ablehnung päpstlicher Oberherrschaft.«

Das deckte sich mit dem, was Gerlinde selbst auf die Schnelle recherchiert hatte.

Der Chef­redakteur fragte weiter: »Gibt es Anzeichen dafür, dass die Gruppe in – Wo war das gleich? – irgendetwas Besonderes ist?«

»In Frankfurt/O«, warf Gerlinde ein.

»Danke!«

Gerlinde erzählte kurz von ihrer Recherche: »Das Besondere scheint mir, dass die Leute dort keinen Kleriker als Leiter haben. Die Gruppe war vorher ein Gesprächskreis der ortsansässigen katholischen Gemeinde.«

»Weiß man, weshalb die sich radikalisiert haben?«, wollte der Chef­redakteur wissen.

»Das hat mit dem Scheitern des Synodalen Weges zu tun.«

Gerlinde war nicht ganz wohl bei ihrer Antwort. In den letzten Wochen war man in der KNA sehr bemüht, den Synodalen Weg, wenn schon nicht als Erfolgsfall, so doch im bestmöglichen Licht darzustellen.

»Ich möchte an den Auftrag unseres Hauses erinnern«, sprach der Chef­redakteur die Verlegenheit abkürzend, »die großen Linien innerhalb der katholischen Welt und ihrer Grenzbereiche darzustellen. Diese Gruppe dort in Ostdeutschland ist gewiss interessant und der Beobachtung wert. Aber zum jetzigen Zeitpunkt erscheint es mir zu früh, die Propaganda von Wir sind Kirche mit einer KNA-Meldung zu adeln. Wir sollten das Thema jedoch im Auge behalten! Ich denke, das wars für heute. Danke, und einen schönen Nachmittag Ihnen!«

»Frau Haverkamp«, sprach der Chef­redakteur wegen der aufkommenden Geräusche etwas lauter in Gerlindes Richtung, »kommen Sie nachher bitte kurz in mein Büro!«

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