Gedanken zum Evangelium, Lukas 6,27-38, am 20. Februar 2022

Wie geht es Ihnen, liebe Brüder und Schwestern, mit dem heutigen Evangelium? Für mich ist das schwere Kost. Bereits am Anfang hören wir: „Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch misshandeln.“ Und dann denke ich, ja, so möchte ich gern sein, und weiß doch, so bin ich nicht, noch lange nicht. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich?

Um dieses Evangelium für mich lebendig werden zu lassen, werde ich mich ihm in einem weiten Bogen nähern, und ich hoffe, der weite Anlauf wird für Sie nicht zu langweilig!
Zunächst interessiert mich, wo der Text innerhalb des neuen Testamentes steht. Er stammt aus dem 6. Kapitel des Lukas-Evangeliums. Interessanter­weise ist der Text die Fort­setzung des Evangeliums vom vergangenen Sonntag, und am kommenden Sonntag hören wir dann die Fort­setzung zu heute. Wenn Sie zu Hause die Bibel zur Hand nehmen und das Lukas-Evangelium aufschlagen, sehen Sie mitten im 6. Kapitel eine Über­schrift „Die Feldrede“. Man fragt sich, warum steht das so da? Ich vermute da 2 Gründe. Erstens ist das eine so wichtige Rede, die Jesus hält. Und zweitens gibt es im neuen Testament noch eine andere Rede, die aber „Bergpredigt“ genannt wird. Und die Berg­predigt kennen viele Nicht-Christen, oder hat schon mal von ihr gehört, anders als die Feldrede, die uns heute beschäftigt.

So, nun möchte ich Ihnen kurz von einem alten Schul­freund erzählen, zu dem ich immer noch Kontakt habe, nach fast 40 Jahren ist das schon erstaunlich. Dieser alte Freund hat sehr viel freie Zeit, da sein Berufs­leben praktisch beendet ist. Mit Einzel­heiten möchte ich Sie verschonen. Zumindest ist es so, dass er mit dem Ersparten gut die Zeit bis zum Eintritt ins Renten­alter überbrücken kann. Und dieser Freund hat sich nun nach dem Ende seines Berufs­lebens gefragt, welchen Sinn denn nun sein Leben noch hat? Welchen Sinn das Leben ganz allgemein hat? Was das denn überhaupt ist – der Sinn des Lebens? Und ob es überhaupt sinnvoll ist, danach zu fragen? Und so kam es, dass er sich mit philosophischen Fragen beschäftigt hat. Und dann hat er die Soziologie entdeckt, die ja dort anfängt, wo die Philosophie an Grenzen kommt: wo die Fragen des menschlichen Miteinanders nicht vom Einzelnen her betrachtet werden, sondern mehr von Gruppen bzw. der Gesellschaft. Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob der Satz eben sehr sinnvoll war, daher möchte ich schnell weitererzählen von meinem alten Schulfreund. Der ist bei seinen privaten Studien auf den Soziologen Niklas Luhmann gestoßen. Und dieser Niklas Luhmann hat eine Theorie über die Gesellschaft erarbeitet, die den Namen „System­theorie“ trägt. Diese Theorie ist nicht leicht zu verstehen. Ich möchte nur mal einen Gedanken daraus äußern, hoffentlich klappt das! Also, die Gesell­schaft besteht aus vielen einzelnen Systemen, kleinen und großen, und wenn ein Mensch einem anderen Menschen begegnet, dann bilden beide bereits ein kleines System, in welchem Kommuni­kation stattfindet.

Und damit möchte ich es auch bewenden lassen, sondern feststellen, dass der Niklas Luhmann eine große und ausgeklügelte Theorie über die mensch­liche Gesell­schaft verfasst hat, aber einen wichtigen Aspekt enthält diese Theorie nicht: eine Handlungs­anleitung, damit das Leben innerhalb einer Gesell­schaft besser wird. Hier kommt die Wissen­schaft vermutlich an ihre Grenzen, das meine ich jetzt ganz neutral. Mein alter Schul­freund ist jedoch von dem Gedanken beseelt, dass die menschliche Gesell­schaft besser würde, wenn alle oder viele Menschen die System­theorie kennen würden, oder zumindest ein paar ihrer wichtigsten Gedanken. Eigentlich sollten Grund­züge der System­theorie bereits in der Schule gelehrt werden!
Nun ist es aber so, dass diese Theorie für viele Soziologie­studenten ein Alb­traum ist, weil zu einfach zu abstrakt und zu kompliziert.

Und nun möchte ich Ihren Blick wieder auf das heutige Evangelium lenken. Was wir da aus dem Munde Jesu hören, ist alles andere als abstrakt. Es ist auch keine Theorie, sondern die reine Praxis. Es sind keine Beschreibungen des menschlichen Miteinanders, sondern Forderungen für das Miteinander. Schwierige Forderungen, gewiss, aber jeder kann sie verstehen, und wohl auch in die eigene Situation übersetzen. Diese Forderungen zu begreifen ist leicht, nur umzusetzen ist sehr schwer.

Daher möchte ich fragen, wie Jesus auf solche Forderungen gekommen sein mag?
Fangen wir mit dem Satz an: „Liebt eure Feinde!“ Das funktioniert nur, wenn ich meinen Feind nicht mehr nur als Feind sehe, wenn ich die Unterscheidung Freund – Feind durchbrechen kann. Wenn ich im Feind auch einen Menschen sehen kann. Für Jesus ist jeder Feind auch ein Kind Gottes. Der Feind und ich haben einen gemeinsamen himmlischen Vater.
Man kann jetzt natürlich fragen: Was habe ich davon, meinen Feind zu lieben?
Da gibt uns Jesus eine Spur, etwa bei folgendem Vers: „Und wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? Das tun auch die Sünder.“

Jesus spricht davon, dass ein Dank erwartet werden kann. Ein Dank dafür, mehr zu tun und zu geben, als es sonst üblich ist. Dass Jesus hier die Sünder nennt, ist auch ein kleiner Nebengedanke, dass eben auch die Sünder Menschen sind, die ihre Familien und Freunde lieben.

Zurück zum Dank, den wir erwarten können. Ich denke da immer automatisch an das Leben nach dem Tod, an eine Belohnung im Himmel, oder so. Aber vielleicht ist das zu kurz gedacht? Hören wir noch einmal einen langen Vers [35]: „Ihr aber sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undank­baren und Bösen.“

Euer Lohn wird groß sein, und ihr werdet Söhne Gottes sein! Haben Sie das gehört? Wir bezeichnen ja Jesus Christus als Sohn Gottes und hören hier nun, dass auch wir Söhne oder Töchter Gottes werden können. Jesus macht hier keine theologische Aussage, sondern er spricht als ein Orientale. Im Orient ist die Familie allgegen­wärtig und viele sprach­liche Bilder stammen aus dem Bereich Familie . Sohn und Tochter sein, dass ist nun einmal eine extrem enge Bindung. Und Sohn oder Tochter des Höchsten zu sein, bedeutet eine direkte Verbindung. Das ist nicht nur ein heißer Draht nach ganz oben. Ich stelle mir einen Tisch vor, an dem eine Familie sitzt. Alle zusammen an einem Tisch. Man sitzt sich auf Augen­höhe gegenüber. Können wir uns vorstellen, in so einem Sinne „Sohn oder Tochter des Höchsten“ zu sein oder zu werden?

Ich muss noch den Vers zitieren, der direkt folgt: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!“ Beim ersten Hören höre ich nur „Seid barm­herzig“ und überhöre die Botschaft, dass der himmlische Vater barm­herzig ist. Hier finde ich den Schlüssel, der mir all die schweren Forderungen aufschließt. Es ist das Wissen um einen barm­herzigen Vater, Vater-GOTT oder Mutter-GOTT. Das wäre dann auch ein GOTT, der mich wie ein Kind ansieht, ein Kind, welches natürlich auch seine Fehler macht, aber das trotzdem geliebt wird. Mit einer Liebe, die nicht verdient werden muss. Eine Liebe, die gewiss enttäuscht werden kann, die aber nie endet.

Jesus hatte so ein Bild von seinem himm­lischen Vater. Neben all den Aufforderungen, die wir heute gehört haben, lädt uns Jesus ein, dass auch wir den himm­lischen Vater als barm­herzigen Vater erkennen. Dann wird unser Lohn groß sein, und wir werden Söhne und Töchter des Höchsten sein. Und dann können auch wir barm­herzig und groß­zügig sein. Amen.