Gedanken zum Evangelium 4. Juni 2021

1. Lesung aus dem Buch Genesis 3,9-15

Wir haben einen Text aus dem Buch Genesis gehört und vom Anfang des Buches, genau genommen das Ende der sogenannten „Sündenfall-Erzählung“. Diese dreht ich ja darum, dass die Schlange Eva verführt, von der Frucht des Baumes der Erkenntnis zu essen. Über diese Geschichte könnte man sehr viel erzählen, aber ich möchte mich auf deren Ende beschränken. Nachdem auch Adam von der verbotenen Frucht gegessen hatte, spürte er und Eva die Wirkung des Baumes der Erkenntnis – Ihnen wurde so Manches bewusst. Vielleicht kennen Sie das auch, das einem irgendwann im Leben etwas klar wird, was einem vorher nicht so bewusst war. Ganz interessant ist da natürlich der ganze Bereich der Sexualität. In der Bibel heißt es ja, „Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren.“ Und irgendwie ist es von da an mit der kindlichen Unschuld vorbei.

Im heute gehörten Text fragt Gott den Adam: „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast Du vom Baum gegessen von zu essen ich die verboten habe?

Und nun hören sie noch einmal Adams Antwort: „Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben, und so habe ich gegessen.“ Adam antwortet gar nicht auf Gottes Frage, sondern weist sofort darauf hin, dass er praktisch unschuldig ist. Irgendwie spürt Adam, dass es hier eigentlich um die Schuld­rage geht. Und da tut er das, was viele tun: einen Anderen als Schuldigen benennen.

Nun ist also Eva dran. Wie geht Eva mit der Schuld­frage um? Der Herr fragt sie: „Was hast Du getan?“ Und Eva antwortet: „Die Schlange hat mich verführt, und so habe ich gegessen.“ Also auch Eva benennt einen anderen Hauptschuldigen, nämlich die Schlange.

Die Geschichte endet damit, dass alle drei bestraft werden. Wir haben heute nur von der Bestrafung der Schlange gehört, aber auch Adam wird bestraft mit der Arbeit im Schweiße seines Angesichtes und Eva durch Schmerzen bei der Geburt und die Mühsal der Partnerschaft mit einem Mann.

Ich bin immer wieder fasziniert von dieser Erzählung, die gewiss sehr alt ist, und dennoch irgendwie aktuell. Die Schwierigkeiten des Lebens, bei der Arbeit und in der Partner­schaft, werden praktisch als eine Art Notwendigkeit dargestellt, genauer gesagt, als eine Strafe, die abzubüßen ist. Nun muss man sich fragen, warum durch die Generationen diese anfängliche Schuld praktisch vererbt wurde? Vielleicht denken manche von Ihnen an den Begriff „Erbsünde“, und der passt genau hierher.

An dieser Stelle muss zweierlei erwähnt werden.

Erstens ist die Sache mit der Erbsünde schwer zu begreifen. Wenn man sich etwa fragt, warum bereits ein neugeborenes Baby bereits mit einer Erbsünde behaftet sein, dann wird einem die Absurdität der Erbsünde bewusst. Hier sind für meine Begriffe der christliche Glaube und die Theologie über das Ziel hinausgeschossen. Was ist das für ein Glaube, der sich hauptsächlich darum dreht, eine ererbte Schuld wieder loszuwerden, sich aber eigentlich immer schuldig, und als Sünder zu fühlen? Hat Jesus das gewollt? Hat er den Menschen gepredigt, dass sie Sünder sind? Ich meine, er hat den Menschen hauptsächlich gezeigt, wie sie zu Gott finden.

Zweitens muss man sagen, dass die Sündenfall-Erzählung durch die Jahrhunderte dazu benutzt wurde, das weibliche Geschlecht, die Frauen, zu diskriminieren. Seit etwas mehr als 100 Jahren haben sich die Frauen in den Industrie­nationen immer mehr gesellschaftliche Rechte erkämpft.

Wenn wir auf unsere deutsche römisch-katholische Kirche schauen, ist da noch viel zu tun. Hier werden Frauen nach wie vor die Weihe­ämter verweigert. Die Begründung erfolgt zwar nicht mit dem Sünden­fall, aber mit anderen, theologischen wackeligen, Begründungen. Letztlich geht es immer um die Macht innerhalb einer Männer­gesellschaft. Die männer-dominierte Kirchen­leitung hat dazu geführt, dass unsere Kirche vor einer Zerreiß­probe steht, dass in weiten Teilen des Kirchen­volkes Frust herrscht, statt Freude am Glauben.

In diesem Zusammenhang werte ich das Rücktritts­gesuch von Kardinal Marx als ein Zeichen der Hoffnung. Hier ist ein hoher Repräsentant der Kirche im „Missbrauchs-Skandal“ nicht dem Schema gefolgt, auf den konkreten Schuldigen zu verweisen. Er hat klargemacht, dass man die Schuld­frage nicht auf ein paar Kleriker beschränken kann, welche direkt schuldig geworden sind. Kardinal Marx Rücktritt ist das Eingeständnis, dass kirchliche Strukturen ebenso mitverantwortlich und wenn man so will, schuldbehaftet sind. Man könnte sagen: Hier sind einem hohen Kirchen­mann die Augen aufgegangen, und er erkannte, dass kirchliche Strukturen an tausend­fachem Leid beteiligt waren, und nach unserer Rechts­auffassung irgendwie auch mit Schuld behaftet sind.

Evangelium aus dem Markus-Evangelium 3,20-35

Nun möchte ich zum heutigen Evangelium kommen. Es steht in der Bibel im 3. Kapitel des Markus-Evangeliums, also noch ziemlich am Anfang. Es gibt auch 2 Kapitel­überschriften: „Jesus und seine Angehörigen“ sowie „Verteidigungs­rede Jesu“. Hier ahnt man schon, dass Jesus Ärger bekommt, und zwar von 2 Seiten: von seiner Familie, aber auch von den Schrift­gelehrten. Man fragt sich, wie das alles zusammenpasst. Und hier kann ich nur sagen, dass passt dadurch zusammen, dass an Jesu Geistes­zustand gezweifelt wird.

Jesu Familie ist hierbei etwas zurückhaltener als die Schrift­gelehrten. Diese kleine Begebenheit ist irgendwie auch recht anrührend. Jesus ist mit seinen Jüngern mittlerweile sehr bekannt, und zieht mit seinen Reden und Predigten viele Menschen an. Im Evangelium heißt es: „... und wieder kamen so viele Menschen zusammen, dass er und seine Jünger nicht einmal mehr zum essen kamen.“ Und jetzt wird es interessant: „Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen.“

Für mich klingt das so: Dass Jesus öffentlich predigt – schön und gut, aber wenn er nicht mal mehr zum Essen kommt, dann geht das zu weit. Dann muss die Familie einschreiten, die Familie ist schließlich die Gemeinschaft, wo man sich umeinander sorgt, dass jeder zu essen hat. Und wenn nun die Familie sagt, jemand ist von Sinnen, dann heißt das: Wir übernehmen die Verantwortung für unseren leicht durchgeknallten Angehörigen und kümmern uns um ihn, da er es selbst offensichtlich nicht schafft.

Ganz anders der Angriff durch die Schrift­gelehrten. Da heißt es: „Die Schrift­gelehrten, die von Jerusalem herabgekommen waren, sagten: Er ist von Beélzebul besessen; mit Hilfe des Anführers der Dämonen treibt er die Dämonen aus.“

Für die Schrift­gelehrten hat Jesus nicht nur „leicht einen an der Klatsche“, sondern ist von einem Dämon besessen, sogar vom Anführer der Dämonen.

An dieser Stelle muss man etwas zum Thema „Besessenheit“ sagen. Wir kennen das ja auch, wenn jemand von irgendetwas so eingenommen ist, dass praktisch alles andere des Lebens darunter leidet. Ich denke da etwa an jemanden, der dem Alkohol verfallen ist, oder anderen Drogen, Spiel- oder Sex-Sucht. Auch kann ein Mann von einer Frau ganz besessen sein, oder von einer Idee, und was es sonst noch alles gibt. Das alles sind Phänomene, wo jemand von etwas besessen ist. Aber etwas ganz anderes ist das, wenn ein Mensch innerlich zu etwas getrieben ist, was keine klare Ursache hat. In der Psychiatrie kennt man heute etwa Zwangs-Störungen, Zwangs-Handlungen oder Wahn­vorstellungen. In früheren Zeiten haben sich die Menschen derlei eher durch Dämon zu erklären versucht.

Bei Jesus war es nun aber so, dass er nicht selbst an Zwangs-Handlungen oder ähnlichem gelitten hat, sondern dass er Menschen heilte, die solche Symptome zeigten.

Man sollte meinen, wenn jemand Kranke heilt, das Leiden mindert, die Familien der Kranken entlastet, dann tut er etwas Gutes, und das ist im Sinne der Allgemeinheit, also auch der Religions­hüter. Die aber beobachten Jesu Treiben mit Argusaugen: Jesus heilt sogar am Sabbat, und er heilt einen Gelähmten und sagt: Deine Sünden sind die vergeben. Das kann eigentlich nur Gott. Jesus tritt also mit dem Anspruch auf, im Namen Gottes zu handeln. Da wundert es nicht, dass die bisherigen Glaubenshüter Jesus stoppen wollen. Das ist die Begründung für die üble Nachrede. Und sie greifen zu einem raffinierten bzw. intelligenten Mittel, sie behaupten dass Jesus vom Ober-Dämonen Beélzebul besessen sei. Die Schrift­gelehrten konnten nicht zugeben, dass Jesus mit der Kraft Gottes die Kranken heilte. Sonst hätten sie von ihrer religiösen Autorität eingebüßt.

Diesen Mechanismus kennen wir heute immer noch: Heute wird nicht mehr mit Dämonen argumentiert, sondern die heutigen Begriffe sind bspw. „Querdenker, Esoteriker oder Verschwörungs-Theoretiker.“ Diese Leute hinterfragen auch die heute Mächtigen. Statt sich mit der Kritik auseinanderzusetzen, sondern machen es sich die Mächtigen zuweilen recht einfach, indem sie die Kritiker praktisch als Spinner diffamieren.

Wie geht nun Jesus mit diesem harten Vorwurf um? Jesus sagt viele kluge Gedanken, die sich alle irgendwie um das Thema drehen, aber für meine Begriffe dennoch nicht richtig zusammenpassen. In der Theologie gibt es auch Überlegungen, wie solche Abschnitte entstanden sind; dass der Evangelist hier praktisch solche Teile zusammengefügt hat, die irgendwie thematisch zusammen­passen. Ich würde da hier gerne mal so stehenlassen.

Viel wichtiger ist mir der Abschluss der Erzählung, wo es nochmal um Jesu Familie geht. Jesu Mutter und seine Brüder lassen ihn herausrufen, und dieser Wunsch gelangt auch an Jesu Ohr. Jesus Antwort ist für mich das Wichtigste am heutigen Evangelium. Er sagt: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder. Er schaut im Kreis herum und ergänzt: Das ier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.

Ich bin davon überzeugt: Jesus verabschiedet sich nicht von der Familie, sondern er erweitert diese. Nicht nur die Bluts­verwandten, sondern auch die Verwandten im Geiste. Diese Verwandt­schaft im Geiste beschreibt er so: „Wer den Willen Gottes erfüllt“. Haben Sie gehört? Er sagt nicht: Wer das Gesetz Gottes erfüllt. Er spricht vom „Willen Gottes“.

Nun können Sie fragen: Woher weiß ich denn nun genau, was der Wille Gottes ist? Das ist eine gute Frage! Vermutlich lässt sich diese Frage gar nicht exakt und eindeutig beantworten. Jesus hat uns aber Hilfe­stellungen gegeben. Er hat uns Geschichten erzählt, ich denke etwa an die Erzählung vom Barmherzigen Samariter. Da erkennt jemand in einer Situation, was der Wille Gottes ist. Das ist gewiss nicht einfach. Wer Angst hat, den Willen Gottes herauszufinden, wird sich an Gesetze halten. Wer in GOTT aber mehr sieht als einen Gesetz­geber, der wird GOTTes Willen immer besser erkennen. Dies ist dann eine Erkenntnis, die sich nicht um Schuld und einen Schuldigen dreht. Sondern hier geht es darum, GOTTes Einladung zur Liebe weiterzugeben.