Gedanken zu den Lesungen am Pfingstfest 2021

In den Lesungen zum heutigen Pfingstfest ging es jedes mal irgendwie um den Heiligen Geist, aber immer ganz unterschiedlich.

1. Lesung aus der Apostelgeschichte 2,1-11

Die erste Lesung war der „Bericht“ vom Pfingstgeschehen aus der Apostelgeschichte. Das ist so der klassische Pfingst-Text, über den hatte ich vor einigen Jahren schon mal gepredigt; und Sie selbst haben diesen Text gewiss schon zig Mal gehört. Man staunt immer wieder, über die akustischen Wirkungen des Heiligen Geistes, über das Brausen. Und dann auch noch die Feuerzungen – da ist wirklich etwas zu sehen, bzw. es war etwas zu sehen; zumindest beschreibt das der Evangelist Lukas so. Wir leben heute in einer Zeit, wo die Wirkungen des Heiligen Geistes nicht so eindeutig hörbar oder sichtbar sind. Können wir trotzdem an das Wirken des Hl. Geistes im Hier und Heute glauben?

In der Apostelgeschichte kommen ja dann noch Wirkungen des Hl. Geistes hinzu, indem die vom Geist erfüllten hinausgehen und GOTTES große Taten verkünden, noch dazu in fremden Sprachen. Was für ein Wunder!

Wir leben heute in einer Zeit, wo schon die Menschen mit derselben Sprache einander nicht mehr richtig verstehen. Aber wir leben auch in einer Zeit, wo man nicht mehr so einfach rausgehen kann, und GOTTES große Taten verkünden. Da würden einen die Leute schon sehr merkwürdig ansehen, Viele würden sich abwenden und sich wohl fragen, ob der oder die noch ganz richtig im Kopf ist. Aber dennoch möchte ich glauben, dass der Hl. Geist auch heute noch wirkt, dass er Menschen antreibt, und sie zu einem Zeugnis ermutigt. Vielleicht geht es dabei nicht mehr um GOTTES große Taten, sondern um etwas anderes?

Wir leben ja in einer Zeit, in der die Menschen vieles selbst machen und vollbringen möchten. Der Mensch ist mittlerweile der Schöpfer vieler Dinge, und wohl auch großer Probleme – denken wir etwas an Umweltzerstörung und das Klima. Vielleicht hilft der Hl. Geist heute dabei, diese Probleme anzugehen? Ich glaube, wir brauchen den Hl. Geist, um unser Leben zu ändern. Ich denke nicht an die Sünden im privaten Bereich, sondern an unseren Lebenswandel, unseren Beitrag an der Zerstörung der Welt.

Ich selbst denke oft: Ja, die Umwelt wird zerstört und das Klima geschädigt, aber ich selbst kann kaum kaum etwas dagegen tun. Das ist wohl auch so. Beim Klima hat selbst Deutschland nur einen Einfluss von wenigen Prozent; wenn da die anderen großen Länder nicht mitmachen, wird der deutsche Beitrag kaum etwas bewirken. Dennoch sollten wir etwas tun.

Manchmal senke ich, wir benötigen viel Hl. Geist bzw. dessen Hilfe, um die großen Probleme zu bewältigen. Aber das ist wohl eine sehr einfache Sichtweise.

2. Lesung aus dem Galaterbrief 5,16-25

Nun möchte ich kurz auf den Text der 2. Lesung schauen. Der Apostel Paulus schreibt in einem Brief an die Galater über einen Gegensatz, den Gegensatz von Fleisch und Geist. Das Fleisch steht für das Schlechte, für das, was von GOTT wegführt, denn es heißt: „Wer so etwas tut – Unzucht, … ausschweifendes Leben, … , Feindschaft, … Spaltungen, … Neid, Missgunst, … - wird das Reich GOTTES nicht erben.“

Paulus stellt dem ein Leben aus dem Geist gegenüber, und nennt die Früchte des Geistes: „Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung.“

Und für Paulus haben die, welche Christus folgen, das Fleisch „gekreuzigt“. Aber was bedeutet das, „gekreuzigt“? Heißt das: besiegt und überwunden? Also ich kann das in meinem Leben so nicht feststellen? Ich denke schon, dass ich Christus folge, dennoch habe ich auch das, was Paulus Leidenschaften und Begierden nennt. Vieles von dem, was Paulus mit dem Fleisch verbindet, gehört zu meinem Leben. Leider muss man sagen, aber es gehört dazu. Ich fühle mich einfach zu schwach, um immer 100% das friedvolle Leben aus dem Geist zu leben.

Dann denke ich mir: Lieber Paulus, Du hast gut reden! Paulus ist da für mein Empfinden einfach zu radikal.

Aber ich frage mich auch, was hat Paulus bewogen, so etwas zu schreiben?

Paulus hat da etwas am Christentum gesehen, an der Nachfolge Christi, das so radikal anders ist, als alles Bisherige. Paulus war ja in seinem früheren Leben ein 150%er Jude, jemand der das jüdische Leben ganz genau nahm. Und dennoch hat er wohl gespürt, dass all die jüdischen Gesetze nicht zu einem GOTT-gefälligen Leben führen. Dass der Mensch eben doch immer auch „schwaches Fleisch“ ist. Dass man sich als Mensch noch so sehr anstrengen kann, aber man wird nie den großen Frieden erreichen. Zumindest nicht aus eigener Kraft. Es muss etwas dazukommen. Er sieht das in dem „zu Christus gehören“. Wer zu Christus gehört, der gehört schon in den anderen Bereich, in den Bereich des Friedens. Paulus zeichnet hier gewiss einen zu krassen Gegensatz zwischen Fleisch und Geist. Ich glaube, wir könne das heute etwas versöhnter sehen: ja, wir leben im Fleisch, aber wir leben auch im Geist. Wenn Paulus sagt, die Christen haben „das Fleisch gekreuzigt“, dann höre ich, die Christen sind nicht mehr nur an diese Welt verwiesen, die Freuden dieser Welt müssen dann nicht mehr bis zur Besinnungslosigkeit genossen werden, weil es noch etwas Anderes gibt, und weil wir Christen daran Anteil haben.

Gedanken zum 2. Evangelium Johannes-Evangelium 15,26-27; 16,12-15

Und nun noch kurz ein paar Gedanke zum heutigen Evangelium. Der Text steht im Johannes-Evangelium im 15. und 16. Kapitel. Das sind die langen Reden Jesu an seine Jünger; man nennt diese Reden auch die „Abschiedsreden Jesu“. Und im heutigen Evangelium sagt Jesus etwas zu dem „Beistand“, der zu den Jüngern kommen wird, wenn Jesus nicht mehr bei ihnen ist. Er nennt ihn den „Geist der Wahrheit“. Das ist jetzt schon wieder eine komplizierte Bezeichnung – Geist der Wahrheit – aber es folgt eine Erläuterung: Der Geist der Wahrheit wird euch in die ganze Wahrheit führen. Das klingt so, als ob Jesus die Jünger noch nicht in die volle Wahrheit eingeführt hat. Das ist merkwürdig! Aber im vorherigen Vers heißt es: „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen.“

Für mich ist das interessant! Warum?

Jesus sagt hier, dass er nicht alles sagen wird. Dass der Geist der Wahrheit das Fehlende ergänzen wird! Mir kommen hier zwei Gedanken.

1. Was im Evangelium steht, ist nicht die Ganze Wahrheit. Wer sein Leben 100% im Rahmen des Evangeliums lebt, der lebt vermutlich nicht in der ganzen Wahrheit. Es ist sehr fragwürdig, das eigene Leben und das Leben der Kirche auf den Buchstaben des Evangeliums zu beschränken. Ich denke dabei an konkrete Fragen des kirchlichen Lebens, etwa an die Weihe von Frauen.

2. Folgt eigentlich ganz logisch: Wir müssen im Hier und Heute auf den Geist der Wahrheit hören, müssen nach ihm suchen, müssen ihm vermutlich auch erbitten. Wir müssen darüber reden, wie wir, wie jeder von uns, den Geist der Wahrheit versteht. Dieser Geist sprich vermutlich wie damals in Jerusalem ganz verschiedene Sprachen. Ich meine dabei die Vielfalt der Stimmen, die in unserer Kirche und in den andere christlichen Kirchen zu hören sind.

Im Evangelium hören wir: der Geist der Wahrheit „... wird sagen, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird. Er wird mich verherrlichen; ...“ Wenn der Geist verkündet, was kommen wird, dann bereitet uns der Geist auf die Zukunft vor, dann zeigt er uns das, was in der Zukunft anders sein wird, als in der Gegenwart und mehr noch in der Vergangenheit. Der Geist lenkt unsere Blick auf die Zukunft und macht uns Mut. Es gibt uns Kraft, Jesus zu verkündigen, mit dem Blick auf die Zukunft, eine Zukunft, die nicht starr an einem alten Bild von Kirche festhält, an monarchistischen Machtstrukturen, die in der Welt schon überwunden sind. Der Geist der Wahrheit ist der Geist der Zukunft!